Odyssee zum Sonnenberg

Das Wort `Odyssee` sieht geschrieben ziemlich komisch aus, finde ich. Aber der Ausdruck paßt zu meiner letzten Tour ganz prima, daher kann es gutes Gewissens so stehen bleiben.

Eigentlich wollte ich mich ja nur mal wieder etwas durchbewegen und das herrliche Wetter genießen. Vielleicht noch ein paar Fotos machen, neue Trails finden und irgendwo einkehren. Dass ich das Frühstück habe ausfallen lassen, sollte sich noch ganz bitter rächen. Aber dazu später mehr.

Wie üblich, mußte ich mich erstmal den ersten Berg hochbemühen, um dann weiter planen zu können. Aber so waren die ersten 500hm schnell und relativ elegant abgehakt.

Und noch mit letzten Schwung um die Kurve und schon war ich oben.

Auf der Schalke. Habe ich euch eigentlich schonmal ein Panorama-Bild gezeigt? Ich glaube nämlich nicht. Also, bitteschön:

Das Schöne am Bergauffahren ist ja, dass es irgendwann auch wieder runter geht. In Fachkreisen nennt sich das, was ich da veranstaltet habe, “langweiliges Vernichten von Höhenmetern”. Aber mit dem Fargo und allerlei Geraffel onboard hat mir das schon gereicht…

Nach ausführlichem Studium meiner Karten habe ich dann den Sonnenberg als Fernziel angepeilt. Eigentlich nicht weiter schwer- immer Richtung Sankt Andreasberg, dann aber eher Richtung Süden.

Schon zu diesem Zeitpunkt hätte in erneuter Blick auf die Karte Schlimmers verhindern können. Aber so bin ich fröhlich und mit leichtem Hungergefühl erstmal grob Richtung Altenau gefahren. Ist ja auch nicht falsch. Immerhin geht´s immer weiter in den Harz rein…

… so dass ich die einsamen Singletrails tief im Wald genossen habe und mich meiner Orientierung völlig sicher glaubte. Auf Schilder habe ich natürlich nicht geachtet- warum auch? Neue Aufschlüsse hätten sie mir sowieso nicht geben können. Immerhin fahre ich seit 15 Jahren in der Gegend rum.

Als ich nach etwas mehr als drei Stunden am Alten Bahnhof in Altenau eingetrudelt bin, habe ich mich dann doch etwas gewundert. Immerhin habe ich noch einen Blick auf die Karte geworfen.

Trotzdem bin ich einfach wieder losgefahren. So wirklich verfahren hatte ich mich ja nicht. Was Essbares wäre aber nicht schlecht gewesen.

Aber am Sonnenberg sollte es ja Bratwurst und Erbsensuppe geben.

Weil die Erbsensuppe aber noch ein weiter Ferne lag und schon leichte Schwindelgefühle in mir aufkamen, mußte ich doch auf die Notration zurückgreifen.

Ich mag diese Squeezys und Power Bar-Riegel nicht wirklich gerne. Aber man sagt, dass sie einem verlorene Kraft ersetzen und sättigen. Tun sie auch. Aber sie sind eklig klebrig und schleimig und brutal süß.

Also habe ich das Fargo kurz am Wegesrand liegen lassen und im Rucksack nach den Kalorienbomben gesucht.

Frisch gesättigt und mit dem Glauben an nie enden wollende Kraft bin ich dann weiter geradelt.

Ah! Endlich war der Sonnenberg mal ausgeschildert. Der Weg war aber so langweilig, dass ich mich spontan entschloß, mir eine alternative Route zu suchen. Das konnte ja nicht so schwer sein, denn die Richtung war ja klar. Also bin ich für ein paar Kilometer an einem Grabenweg entlang gefahren- sehr schön! Der Weg war technisch zwar nicht anspruchsvoll- aber ein paar Wurzeln bleiben ja nie aus. Irgendwann hat sich aber auch der Weg in Wohlgefallen aufgelöst und hat an mehreren Wasserläufen geendet.

In der Zwischenzeit habe ich auch den Glauben an meine fundierten Streckenkenntnisse verloren, so dass ich mich lieber an die Hinweisschilder gehalten habe. Aber wenn der Sonnenberg schon ausgeschildert ist, wird´s wohl auch zum Sonnenberg gehen. Die Frage (die ich mir natürlich nicht gestellt habe), war nur wie...

Tja. Also schloß sich erstmal eine Tragepassage an. Ich hätte brechen können. In der Zwischenzeit waren die letzten Wolken vom Himmel verschwunden, so dass das anstrengendste Teilstück in gleissendem Sonnenlicht durchlebt wurde. Hätte ich diese Tour gebucht und Geld dafür zahlen müssen- ich hätte den Guide mit bösen Flüchen belegt und das Geld zurück gefordert.

Dieses Teilstück hätte man prima mit dem Slayer runterfahren können, meinetwegen hätte ich es für eine tolle Abfahrt auch da hochgeschleppt. Aber nur, um endlich eine Erbsensuppe oder ähnliches abzugreifen, war es wirklich das höchste der Gefühle. Und à propos Gefühle: mein latentes hungergefühl hatte sich zwischenzeitlich auch wieder eingestellt. Super. Das Bild dürfte unterhalb des Stiglizeck aufgenommen worden sein. Die Tragepassage hätte ich, um an eine Straße zu kommen, noch weiter durchleben müssen. So dachte ich mir, dass ich mich aber weiter lieber auf mein Orientierungsvermögen verlassen sollte und bin, entgegen den Infos auf den Schildern, fröhlich in eine andere Richtung gefahren, um dann die Hölle für Mountainbiker erleben zu dürfen: die Harzhochstraße bergauf. Da hätte ich das Fargo doch besser weiter schultern und tragen sollen…

Aber immerhin kam ich meinem erklären Ziel immer näher. Dumm nur, der Arne, dass er meinte, weiter seinem Orientierungssinn zu vertrauen, obwohl der an diesem Tage scheinbar unbrauchbar war. So bin ich nach einer schönen langen Abfahrt irgendwann in Sieber angekommen. Sieber?! Genau. Ich hatte auch keine Ahnung, was und, vor allem, wo das ist. In der Zwischenzeit weiß ich es aber. Klick hier, dann weißt du es auch. Kann bestimmt nicht schaden….

Ich habe mir schon ernsthaft überlegt, mein Vorhaben aufzugeben, und mich in einen Zug nach Goslar zu setzen. Aber es war ja noch nicht so spät und daher habe ich noch leise Hoffnung auf meine Erbensuppe am Sonnenberg gemacht. Also bin ich die ganze Strecke wieder bergauf gefahren und habe intensiv nach Schildern Ausschau gehalten.

Irgendwann hatte ich auch den letzten Berg überwunden und konnte über eine blumenübersäte Wiese weiter radeln, was meinen Beinen und meiner arg strapazierten Seele sehr gut getan hat.

Als zusätzliche Motivation kam der Sonnenberg auch noch in mein Blickfeld. Mit letzter Kraft habe ich das Fargo und mich noch auf den Gipfel geschleppt, um dann erstmal zu entspannen. Und um den Heimweg zu planen. Denn die Fahrt sollte nicht wieder so desaströs enden wie der Hinweg. Zum Thema `Desaster´ kann ich an dieser Stelle noch kurz bemerken, dass ich natürlich keine Erbsensuppe und auch keine Bratwurst mehr bekommen habe. Das Restaurant ist scheinbar nicht an hungrige und verwirrte Radfahrer am Abend gewöhnt.

Die Streckenplanung war schnell gemacht und sollte mich vor keine weiteren unlösbaren Aufgaben stellen- laut Navi wären es ungefähr 35km auf asphaltierten Straßen gewesen.

Vor dem Abflug habe ich noch schnell ein par Bilder gemacht, zum Beispiel dieses Panorama hier:

Ich bin ungefähr sechs Kilometer auf der Harzhochstraße gefahren und dabei grob geschätze vierhundert Tode gestorben. Mit mehr als 60km/h bergab zu fahren ist auf wenig befahrenen Straßen und Wegen ja völlig okay- aber auf schlaglochübersäten und von wild überholenden Autofahrern befahrenen Straßen hat der Spaß schnell ein Ende gehabt, so dass ich mich doch wieder in den Wald geschlagen habe. Immerhin bin ich durch Zufall noch am Polsterberger Hubhaus vorbei gekommen.

Die Besitzerin war grade dabei, die Sitzauflagen einzusammeln und war schon auf Feierabend eingestellt. Zu Essen bekam ich nichts, wollte ich aber auch gar nicht mehr. Ich wollte nur noch nach Hause…

Aber ein kühles Getränk wäre super gewesen- und so habe ich schnell einen Liter Schorle getrunken (wobei ich 3€ dafür auch völlig fair finde. Sie hätte auch 8€ verlangen können und ich hätte sie trotzdem bestellt) und bin weiter gefahren. Leider haben dann die Krämpfe begonnen und mir vor Schmerzen die Weiterfahrt und jeden klaren Gedanken genommen. Ich habe mitten auf Waldwegen gelegen und gejammert. Aber wen jammert man an, wenn man alleine ist? Genau- man zückt sein mobiles Endgerät und ruft zu Hause an.

Nach 73 Kilometern und 1860 Höhenmetern war dann endgültig Schluß und ich habe S.O.S. gefunkt. Um kurz vor neun am Abend bin ich vom Kiefhölzer Teich abgeholt worden. Ich wäre schon irgendwie heim gekommen; nur hätte ich die Fahrt wohl nicht mehr bei Tageslicht beendet. Und weil ich bekennender Schisser im Dunkeln bin, ist es so bestimmt besser gewesen. Wenn auch ein bißchen demütigend, denn bislang war ich immer irgendwie nach Hause gekommen.

So gibt´s immerhin eine kleine Tatsache, die ich nie wieder vergessen werden: Essen vor dem Biken!

Und jetzt gibt´s noch eine letzte Impression vom Abend, dann ist Schluß.

Bis bald.

Nachtrag: ganz hervorragende Musik zum Biken gibt´s von Onur Ozur. Zum Beispiel hier.

5 Kommentare

  1. Sascha

    die bilder sind mal wieder sehr schön. aber sie lassen in keinster weise eine tortur erkennen…

  2. Vielleicht zeigt dieses Bild hier ein wenig vom meiner Stimmung danach…

  3. Nils

    Survival mit dem Bike- auch nicht schlecht. Und das noch im Harz…

  4. Nils

    Auf dem verlinkten Bild sieht man auch nicht wie fertig du bist. Nur wie bärtig du bist, hihi. :)

  5. Carsten

    Hi Arne,

    Geile Bilder…macht Laune auf mehr!

    Gruß aus Hamburg